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Der Schulversuch "Ethik"
Prof. Alfred Wiedl
Seit 1997 besteht in Österreichs Schulen die Möglichkeit, im Rahmen eines Schulversuchs den alternativen Pflichtgegenstand "Ethik" anzubieten.
[1]
"Alternativer Pflichtgegenstand" bedeutet, dass Schüler, die keinen konfessionellen Religionsunterricht erhalten, den Pflichtgegenstand "Ethik" besuchen müssen, während Schüler mit konfessionellem (d. h. für gewöhnlich katholischem oder evangelischem) Religionsunterricht die Möglichkeit haben, zwischen Ethik- und Religionsunterricht zu wählen.
Der Gesetzgeber hat diese Möglichkeit nicht etwa aus religionsfeindlichen Erwägungen heraus eingeräumt. Vielmehr waren zwei Beweggründe maßgeblich:
Gemessen an der Tatsache, dass der Religionsunterricht an Schulen, die keinen Ethikunterricht anbieten, mit einer Freistunde konkurrieren muss, halten sich die Abmeldungen zwar durchaus in Grenzen, dennoch war der Gesetzgeber der Meinung, dieser Entwicklung entgegensteuern zu müssen. Der Ethikunterricht, von vielen fälschlich als Gefahr für den Religionsunterricht angesehen, trägt also eher zu seiner Sicherung bei
[4],
so lange nicht daran gedacht ist, Religionsunterricht generell durch Ethikunterricht ersetzen zu wollen. Aus diesem Grund scheint es auch sinnvoll, den Begriff "Ersatzunterricht" für Ethik gar nicht erst anzuwenden.
[5]
Die Ethik kann und will Religion nicht "ersetzen", vielmehr ist sie eine sinnvolle Alternative zu einem ebenso sinnvollen Pflichtgegenstand. Ethik ist "keine billige Proklamation von Ersatz-Werten, sondern ein permanenter Versuch, die Prinzipien des Zusammenlebens von Menschen auf Basis vernünftiger Überlegungen und ohne transzendente Verankerung zu bestimmen" (Konrad Paul Liessmann).
Als erste Schule der Steiermark (und als eine der ersten Schulen in Österreich) hat das BG/BRG Knittelfeld im Schuljahr 1998/99 den alternativen Pflichtgegenstand Ethik als Schulversuch eingeführt.
Die Initiative dazu, diese neue Möglichkeit zu nutzen, war von den Religionslehrern unserer Schule ausgegangen. Nach anfänglichem Zögern willigte ich als Philosophielehrer ein, mich in dieses Abenteuer zu stürzen. Am 7. November 1997 beschloss der Schulgemeinschaftsausschuss einstimmig (nachdem sich bereits das Lehrerkollegium - ebenfalls einstimmig - dafür ausgesprochen hatte), beginnend mit der 9. Schulstufe (also der 5. Klasse) den Schulversuch "Ethik" zu beantragen. Kollege Mag. Friedrich Strempfl und ich arbeiteten eilig einen provisorischen Lehrplan aus, der auch jetzt noch als weitgesteckter Rahmen gültig ist.
Das Bundesministerium für Unterricht und Kunst ließ sich mit der Genehmigung Zeit, zumal der Ethikunterricht auch ein politischer Zankapfel ist. Die Zustimmung erfolgte am 10. Juni 1998, die definitive Nachricht von der Genehmigung des Schulversuchs erreichte die Direktion unserer Schule aber erst am 10. Juli, also bereits nach Ferienbeginn. Somit war es zunächst äußerst zweifelhaft, ob der Schulversuch überhaupt zustande kommen würde, da nach Schulbeginn nur einige Tage verblieben, das Anliegen des neuen Faches an Eltern und Schüler heranzutragen und ich es immer abgelehnt habe, für den Ethikunterricht die "Werbetrommel" zu rühren. Schließlich fanden sich aus beiden fünften Klassen insgesamt elf Schüler, womit die Entscheidung doch zugunsten der Ethik gefallen war.
Nicht alle "Ethik-Pioniere" hatten sich freiwillig gemeldet. So gab es in der Gruppe auch drei muslimische Schüler mit eher mangelhaften Deutschkenntnissen. Dazu kam, dass drei weitere Schüler mit großen schulischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten (und nach dem Schuljahr von unserer Schule abgingen).
Diese extrem heterogene, überdies aus zwei Klassen zusammengesetzte Gruppe für das neue Fach zu motivieren, war eine zwar reizvolle, aber nur mit Kompromissen zu bewältigende Aufgabe. Sehr bald war klar, dass eine konsequente Umsetzung des Lehrplans an der Gruppe vorbeigehen würde. Ich stellte daher bald die Bemühung in den Vordergrund, ein "Wir-Gefühl" zu erzeugen und die Schüler dazu zu bringen, sich gemeinsam auf die Suche nach "Ethik" zu machen, wobei die Freiheit des Wortes und die Achtung anderer Meinungen ein zentrales Anliegen darstellten. Es dauerte natürlich eine gewisse Zeit, bis das wichtigste Ziel als erreicht angesehen werden konnte: dass die Schüler ihre Standpunkte und Meinungen auch in heiklen Fragen freimütig äußerten, ohne in der Gegenwart des Lehrers ein Hindernis zu sehen.
Die Erfahrungen in dieser ersten Ethikgruppe waren für mich richtungweisend: Offenheit bei der Auswahl der behandelten Themen, Toleranz gegenüber anderen Meinungen, Orientierung an alltäglichen Problemen und Konflikten, die Möglichkeit für jeden, sich zwanglos in den Unterricht einzubringen. Unsere kreisförmige Sitzordnung ist ja inzwischen geradezu zu einem Markenzeichen des Ethikunterrichts geworden.
Natürlich stand der Ethikunterricht auch über unsere Schule hinaus im Blickpunkt des Interesses. Eine durch Mittel des Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank finanzierte Studie unter dem Titel "Ethische Bildung in Österreichs Schulen. Eine Untersuchung nach einer Methode der qualitativen Motivforschung" (Autoren: Dr. Guido Schwarz und Dr. Thomas Honsak) basiert zur Hälfte auf Tiefeninterviews mit Schülern, Eltern und Lehrern unserer Schule. (Die Studie kann auf der Schul-Homepage eingesehen und herunter geladen werden.) Immer wieder wurden und werden von verschiedenen Seiten Erfahrungsberichte aus unserer Schule angefordert.
Heute ist der Ethikunterricht - wenn auch nach wie vor als alljährlich neu zu beantragender Schulversuch - ein fester Bestandteil des Unterrichts an unserer Schule geworden und wird von 59 Schülern der Oberstufe besucht. Im vergangenen Schuljahr haben sogar zwei Schülerinnen der "Pionierzeit" bei der mündlichen Reifeprüfung das Fach Ethik gewählt - es war die erste Ethik-Matura der Steiermark.
Vier Jahre lang habe ich den Ethik-Unterricht als einziger Lehrer bestritten. Im Schuljahr 2002/2003 hat Prof. Dr. Kohlmayer die fünfte Klasse übernommen.
Anmerkungen
[1] Anton A. Bucher,
Ethikunterricht in Österreich.
[2] Ebd. 1998 waren 17 % der Österreicher konfessionslos. Etwa 35.000 Personen treten jährlich aus der Kirche aus. [3] Ebd. "Obschon sich von allen katholischen SchülerInnen insgesamt ‚nur' um die 5 % vom RU abmeldeten (so 1998/99), nahmen die Abmeldungszahlen an diversen Schulstandorten, insbesondere an BORGs, beunruhigende Ausmaße an (bis über 50 %)". [4] Ebd. Die in Deutschland gemachten Erfahrungen sind eindeutig: "Die Einrichtung des EU reduzierte in allen alten Bundesländern die Abmeldungen vom RU massiv und stabilisierte diesen nachhaltig." (EU und RU stehen für Ethikunterricht und Religionsunterricht.) [5] Ebd. In Deutschland drängten die Kirchen darauf, EU als "Ersatzfach" anzubieten; "faktisch führte dies auch dazu, dass EU nicht angeboten wurde, wenn RU entfiel; aber auch zu Klagen konfessionsloser Eltern, die nicht nachvollziehen wollten und konnten, dass EU für ihre SchülerInnen, die keiner Religion angehören, "Ersatz" sein soll. Damit befasste Gerichte (bis zur höchsten Instanz) verpflichteten solche SchülerInnen zwar zur Teilnahme am EU. Aber im maßgeblichen Urteil des deutschen Bundesverwaltungsgerichts vom 17.6.1998 wird EU nicht mehr als "Ersatzfach", sondern als gleichwertiges "Komplementärfach" bezeichnet".
Von diesem Text gibt es auch eine
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die die ursprüngliche Formatierung enthält.
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